Alien Nature + TMA - Hydra
SynGate Records (2010)

(5 Stücke, 70:04 Minuten Spielzeit)

Im vergangenen Jahr sind die beiden Elektronikmusiker Wolfgang Barkowski aka Alien Nature und Torsten M. Abel, der seine Initialen als Projektnamen TMA nutzt, eine gemeinsame Kollaboration eingegangen. Erste Dokumentation dieser neuen Formation war das Debütalbum von Alien Nature + TMA unter dem Titel „Medusa“. Nun ist etwas mehr als ein Jahr vergangen und das zweite Werk liegt vor, das den Namen „Hydra“ trägt.

Agierten die beiden auf dem Vorgänger noch als reines Duo, so haben sie sich bei zwei der fünf Stücke Martin Rohleder hinzu geholt, der den Stücken durch seine E-Gitarre einen rockigeren Anstrich verleiht. Torsten hatte ja auch schon auf seinem Soloalbum „Sequentrips“ mit Martin zusammengearbeitet.

 
 


Fünf Tracks mit Laufzeiten zwischen 10:14 und 19:25 Minuten präsentieren die beiden, in denen die stilistischen Eigenarten jedes einzelnen zwischendrin durchblitzen.

Gleich nachdem der Silberling im Player seine Runden begonnen hat, zirpt und blubbert es recht psychedelisch aus den Boxen. Würde da nicht ein Keyboardmotiv im Hintergrund so langsam die Oberhand gewinnen, würde ich meinen, ich hätte tatsächliche eine Psychedelic-Scheibe eingelegt. Doch was sich hier auf fast 16 Minuten zu Beginn der CD ausbreitet, ist das Titelstück „Hydra“, das sich langsam entwickelt und den Hörer nach und nach in seinen Bann zieht. Hypnotische Klangkaskaden werden von Wolfgang und Torsten gesponnen, die irgendwo in der „Berliner Schule“ verwurzelt sind und doch auch in der Nähe der britischen Variante elektronischer Musik liegen. Das Schlagzeug bzw. dessen Programmierung erinnert mich dabei ein wenig an die Spielweise von Harold van der Heijden. Dieser erste Titel ist schon mal ein äußerst gelungener Einstieg in diese CDR.

Weiter geht es mit dem zehnminütigen „Eclipse“. Pumpende Geräusche (wie maschinelle Atemzüge) geleiten in den Track hinein. Darüber findet sich eine lang gezogene Synthiefläche auf der dann einige Harmoniebögen gespielt werden. Hier zeigt sich Wolfgang’s (Alien Nature) Stil. Ein weiteres, rhythmisches Synthiemotiv kommt hinzu und beide steigern sich langsam, aber stetig. Das wirkt erhaben und geht ungefähr bei der Hälfte in einen rhythmischeren Teil über, der das Grundmotiv noch beibehält, aber um weitere Sounds und Harmoniewolken ergänzt.

Auch „Reflections“ ist zehn Minuten lang. Hier geht es zunächst sphärisch los und einige mehr experimentelle Klangfasern durchziehen den Raum. Futuristisch und mysteriös ziehen farbige Klangwolken an mir vorbei. Es dauert gut zweieinhalb Minuten, bis sich dann doch ein Rhythmus herausschält und dem Stück nun eine andere Note verleiht, die auf mich wieder eine recht hypnotische Wirkung hat. Hier kommt dann auch erstmals Martin Rohleder an der E-Gitarre zum Einsatz, was dem Stück eine gewisse floydige Note verpasst. Und auch die Schlagzeugprogrammierung lässt diesen Track nun etwas rockiger erstrahlen. Das gefällt mir ausgesprochen gut.

Satte Synthieflächen, die bei mir sofort Gänsehaut erzeugen, sind zu Beginn von „Outland“ zu hören. Auch bei diesem Stück darf Martin in die Saiten seiner E-Gitarre greifen. Das macht er recht dezent. Hier klingt er für meinen Geschmack wie eine Mischung aus Frank Dorritke, Manuel Göttsching und Klaus Hoffmann-Hoock. Und wenn dann die Sequenzerrhythmik den Ton angibt, ändert sich die Struktur des Stückes. Auch hier gefällt mir vor allem die Kombination aus Synthie und Gitarre.

Mit dem etwas mehr als 19minütigen „Diorama“ verabschieden sich Alien Nature + TMA vom Hörer, nicht ohne zu Beginn einen kleinen Gruß in Richtung Frankreich zu senden, denn die Sounds erinnern mich etwas an Jean Michel Jarre. Ein tolles Stück, das durch tolle Melodieführung und einen entsprechenden Rhythmusunterbau überzeugt.

Auf „Hydra“ hat sich gezeigt, dass sich mit Wolfgang Barkowski und Torsten M. Abel zwei Musiker gefunden haben, die sich perfekt verstehen. Nach dem schon guten Debüt „Medusa“ überzeugt auch der Nachfolger auf ganzer Länge. Wer den Vorgänger mochte, der kann bedenkenlos zugreifen. Und wer ihn nicht kennt, aber auf sphärische, melodische Elektronikmusik steht, der sollte dieses Album ebenfalls in die engere Wahl nehmen. Mich hat es überzeugt.

Stephan Schelle, Januar 2011

Zum Album „Medusa“ (2009) hatte ich den Wunsch geäußert, dass Wolfgang Barkowski (Alien Nature) und Torsten Abel (TMA) es nicht bei dieser einen gemeinsamen Veröffentlichung belassen, sondern in Zukunft mehr von ihnen zu hören ist (s. schalldruck 39, Febr. 2010). Mein Wunsch wurde erfüllt, das Ergebnis heißt „Hydra“ und umfasst fünf lange Stücke.

Zeitweise wächst sich das Duo zum Trio aus. Bei „Reflections“ und „Outland“ verstärkt Martin „Martinson“ Rohleder die beiden Elektroniker mit seinen E-Gitarren.

Es heißt ja oft, dass das zweite Album sehr schwierig sei, weil die Erwartungen nach dem Debüt meist hoch sind (vorausgesetzt, der Erstling ist ein Erfolg). Nun, große Erwartungen hatte ich allerdings, aber die werden mit „Hydra“ mehr als erfüllt. Die Qualität dieses Albums ist mindestens ebenso hoch wie bei „Medusa“, ich finde die Melodien nicht minder erstklassig, die verwendeten Sounds aber ausgereifter als auf dem Vorgänger. 

Die Musik auf „Hydra“ ist kräftiger, vielleicht kann man sogar sagen: rockiger, geworden. Auffallend und beeindruckend finde ich den Sound des Schlagzeugs. Das klingt so echt, dass man meint, es wirkt ein menschlicher Drummer mit. Vor allem beim Titelstück und bei „Reflections“ hört man das gut.

Ein weiterer Pluspunkt dieser CD sind Martin „Martinson“ Rohleder und seine E-Gitarren. So zurückhaltend er bei „Reflections“ spielt, so prominent im Vordergrund hört man ihn bei „Outland“. Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie sehr E-Gitarren die Musik prägen. Auch hier sind es beileibe nicht nur Nuancen, die Martinson beisteuert.

Der Titel „Diorama“ wurde laut Booklet speziell für ein Konzert des Ambient Circle, dem Wolfgang und Torsten ebenfalls angehören, komponiert. Also hat dieses Stück eigentlich eine etwas andere Ausrichtung. Trotzdem fügt sich „Diorama“ perfekt in das Album ein. Ich denke, dass es entsprechend arrangiert wurde, aber das hätte ja auch daneben gehen und den Charakter des gesamten Albums verderben können. Es spricht für die beiden Musiker, dass das nicht passiert ist.

Übrigens – zuerst „Medusa“, jetzt „Hydra“: Wenn die ganze griechische Mythologie thematisert wird, dann haben wir noch einiges zu erwarten… Ich bin dabei!

 

Andreas Pawlowski


Bezug: www.syngate.net